Sonntag, 7 Uhr morgens, die ersten Wehen setzen ein. Zeit um ins Geburtshaus zu fahren? Wie lange noch warten? Um 9:56 Uhr halte ich meinen zweiten Sohn erstmals in den Armen. Lest meinen ganz persönlichen Geburtsbericht.

Von den ersten Wehen bis zum Geburtshaus

Sonntag, 18.6.17: ich wache mit einem leichten Ziehen im Unterbauch auf. Es fühlt sich anders an als noch die Tage zuvor, an denen mein Bauch regelmäßig hart wurde und ich daran erinnert wurde, dass unser Sohn nun bald das Licht der Welt erblicken würde. Das Ziehen war neu für mich, denn bei unserem Erstgeborenen Miguel hatte ich vor der Geburt weder Vorwehen noch leichte Geburtswehen. Die Fruchtblase platzte damals mitten in der Nacht und im gleichen Augenblick setzten heftige Geburtswehen ein, die keine Zeit für eine langsame Vorbereitung ließen.

Wie dem auch sei, von dem Ziehen alarmiert rief ich meine Hebamme an und fragte, wie ich das nun einzuordnen hätte. Sie riet mir, etwas Warmes auf den Unterbauch zu legen oder es mit der Badewanne zu versuchen. Die klassischen Ratschläge eben, die für gewöhnlich helfen herauszufinden, ob es bereits Zeit für die Fahrt zur Klinik oder zum Geburtshaus ist.

Also wärmte ich ein Körnerkissen auf und versuchte mein Glück. Die Wehen wurden stärker, die Badewanne lachte mich gar nicht an und die Abstände von Wehe zu Wehe verkürzten sich rasant. Bald schon dauerte eine Wehe nicht mehr nur 15 Sekunden, sondern überschritt die 40 Sekunden. Also erneut ein Anruf bei der Hebamme. Sie fragte mich, ob ich denn das Gefühl habe, dass ich gerne im Geburtshaus wäre. Ich bejahte und wir verabredeten uns für 9:30 Uhr im Geburtshaus Rosenheim. Ab ca. 8 Uhr wurde es dann wirklich unangenehm. Mir blieb regelrecht die Luft weg, als eine Wehe einsetzte. Um 9 Uhr dann hatte ich das Gefühl, vom Boden nicht mehr aufzukommen. Ich stieß bereits jetzt kräftetechnisch an meine Grenzen.

Gustavo, der werdende Papa, schon sichtlich nervös, drängte darauf, ins Auto zu steigen. Um 9:15 Uhr saßen wir dann samt meinem Vater und Miguel im Auto. Miguel durfte in Begleitung seines Opas mitfahren. Wir hatten ihn auf diesen Moment vorbereitet und er wusste, dass die Hebamme uns helfen würde, seinen Bruder zur Welt zu bringen und er uns im Anschluss abholen durfte.

Wenige Minuten später gab ich Miguel ein Bussi, wir holten unsere Geburtstasche aus dem Kofferraum und ich machte mich rasch auf zur Hebamme, bevor die nächste Wehe einsetzen konnte.

Von wegen peruanische Gemütlichkeit

Meine Wunschgeburt, mein ganz persönlicher GeburtsberichtAll jene Peruaner, allen voran mein Mann, die ich bisher kennenlernen durfte, haftet eine gewisse Gemütlichkeit an. Wenn nicht jetzt dann später … wenn nicht morgen, dann eben übermorgen. In diesem Punkt scheint allerdings keiner unserer beiden Jungs nach dem Papa zu kommen.

Kaum überschritt ich die Schwelle zum Geburtshaus setzte die nächste Wehe ein. Und diese war stärker als alle Wehen zuvor. Der kleine Kerl in meinem Bauch schien zu spüren, dass er nun an dem Ort angekommen war, an dem er zum ersten Mal Mama und Papa kennenlernen würde. Ich schaffte es noch in mein Nachthemd und schon setzte die erste Presswehe ein. Meine Hebamme versuchte noch ein CTG zu schreiben, doch mehr als ein wenige cm langer Streifen ließ sich nicht aufzeichnen.

„Martina, wenn du dein Baby in der Badewanne bekommen willst, dann musst du jetzt aufstehen!“ Meine Hebamme und Gustavo versuchten mich zu überreden, mich aus dem Bett zu erheben, um die wenigen Schritte Richtung Badewanne anzutreten. Eine große Herausforderung in diesem Moment, für mich schien es gar eine unlösbare Herausforderung. Lieber klammerte ich mich an Gustavos Beinen fest und die kleine Bisswunde im Schenkel scheint wohl auch mein Verdienst gewesen zu sein.

Doch wer schon einmal eine Geburt erlebt hat weiß, dass während der Entbindung Kräfte in einer Frau geweckt werden, die man sich zuvor niemals hätte vorstellen können. „Wassergeburt, du sollst im warmen Wasser zur Welt kommen…“ Meine innere Stimme fing wieder an sich zu melden und der starke Wunsch, diese Geburt ganz nach meinen Vorstellungen erleben zu wollen, gewann wieder Überhand.

Kleine Wehenpause und schon hatte ich den unüberwindlich erscheinenden Weg geschafft. Ich spürte das warme Wasser auf nackter Haut und sehnte mich nach einem Moment der Ruhe, des Durchatmens. Dieser Moment war mir leider nicht vergönnt, dafür aber hielt ich wenige Minuten später unser Baby in Händen. Erste starke Presswehe im Wasser und das Köpfchen war zu sehen (nicht für mich, aber Gustavo durfte dieses unglaubliche Ereignis beobachten). „Achtung, Martina, bleib unten, bleib im Wasser, noch eine Wehe und das Baby ist da! Er dreht sich schon ein wenig.“ Zweite Pressewehe, 2 Minuten später: „Er ist da, dein Baby ist da. Du darfst ihn zu dir nehmen.“ Diesen Augenblick werde ich wohl niemals mehr vergessen. Ein Griff ins Wasser und ich halte dieses kleine Wunder in meinen Händen. Ein Schrei und dann eine feste Umarmung. Nie wieder lasse ich dich los, kleiner Lisandro Elias! Eine gefühlte Ewigkeit saß ich noch im Wasser, Lisandro in den Armen. Erst als das Wasser abkühlte und die Nabelschnur aufhörte zu pulsieren, verließen wir das kühle Nass und schwebten zurück Richtung Bett.

Jetzt war erst einmal Kuscheln angesagt. Wir gönnten uns eine lange Weile nur für uns, bevor die Hebamme entschied, dass es an der Zeit wäre, die Nachgeburt in Gang zu setzen. Mit Lisandro in den Armen ging ich in die Hocke und ich brachte nochmals all meine Kräfte auf, um mich von der Plazenta zu verabschieden, die Lisandro die vergangenen Monate Geborgenheit und Nahrung geschenkt hatte.

Es war geschafft, die Geburt war überstanden. Von Ankunft im Geburtshaus bis zur Geburt von Lisandro war nicht einmal eine halbe Stunde vergangen. Mit der Nachgeburt eine weitere halbe Stunde. Jetzt versteht ihr, warum diese Geburt mit peruanischer Gemütlichkeit rein gar nichts zu tun gehabt hat, richtig? Der gemütliche Teil folgte. Stundenlanges Kuscheln mit Lisandro und Papa Gustavo.

In Kürze folgt ein Beitrag zu den Stunden danach, der ersten Begegnung von Miguel und Lisandro sowie den ersten Tagen im Wochenbett.

2 Kommentare

  • Sabrina sagt:

    Wunderschön Martina, ganz toll gemacht ihr beide!! Toll, so ein persönlicher Bericht. Fühlt euch alle 4 fest umarmt!

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