Der perfekte Haushalt, ein perfekt geplanter Tagesablauf, die perfekte Gastgeberin … Doula und Family Care Nurse Mika zeigt euch am Beispiel von Frau L. was aus dem vermeintlichen Perfektionismus wird, sobald ein Baby zur Welt kommt.

Perfekt – ein Thriller

Als ich das erste Mal durch die Tür von Frau L. trat schien die Sonne. Es war warm und sie und ihr Mann strahlten. Sie waren einfach voll im Glück mit ihrer bezaubernden Tochter.

Der Tisch war gedeckt und den Eltern war es sehr wichtig, dass ich was esse. Alles war aufwendig und selbstgemacht. Als ich Frau L. fragte, wann sie das gezaubert hat, winkte sie ab und sagte, das ist doch gar nichts. Das gehört bei ihnen dazu. Ich staunte nicht schlecht und sagte das auch ganz unverblümt.

Wir sprachen über die Geburt und die Anliegen der Eltern. Fragen hatten sie ganz viele, aber die waren recht schnell abgevespert. Zumindest für den Anfang.

Zwischenzeitlich war ihr Mann wieder arbeiten gegangen und sie war viel alleine mit ihrem Baby, was sie aber nicht daran hinderte immerzu gefühlt 3 Kuchen, 5 verschwende Sorten Marmelade, selbst gebackenes Brot, Obstsalat, etc. pp. aufzutischen wenn ich kam.

Und obendrein war Frau L. auch immer wie aus dem Ei gepellt. Das Kind übrigens auch. Die Wohnung ebenso. Ja, ich habe auch nicht schlecht gestaunt und sie gefragt, wie sie das eigentlich macht?

Ich habe das nie geschafft.

Sie winkte ab und lächelte. „Das machen wir bei uns halt so, das gehört einfach dazu, wenn Besuch kommt“. Auf meine Antwort, dass ich kein Besuch bin, sondern hier um sie zu unterstützen, meinte sie nur „deshalb müssen sie sich hier auch wohl fühlen und was essen. Und sie helfen mir mit allen Fragen und tun so viel. Mein Mann hilft mir auch“. Nun gut, dachte ich, wenigstens das.

Ich bat Frau L. sich nicht so viel Mühe zu machen wenn ich kam, denn einerseits war es mir unangenehm und andererseits weiß ich selbst, dass man vielleicht mal ein Nickerchen dringender braucht, als all die Arbeit im Haushalt.

Irgendwann klappte es mit dem Stillen nicht mehr und ich kam außerplanmäßig zu Frau L., die sich Sorgen deshalb machte. Wir setzten uns an ihren Tisch, der diesmal nicht ganz so voll gedeckt war und sie entschuldigte sich. Ich schaute sie an, sagte nichts. Und das erste Mal flossen langsam und leise die Tränen von Frau L.´s Wangen.

Denn sie war am Ende. Am Ende ihrer Perfektion. Sie schlief nur noch wenig, war furchtbar unglücklich und mit allem überfordert. „So habe ich mir das nicht vorgestellt“ schluchzte sie. Ich nickte und hörte ihr lange zu. Wir sprachen über all die Dinge, die sie unbedingt gut und richtig machen wollte. „So wie früher! Da ging das alles auch neben der Arbeit“ sagte sie. Ich gab ihr zu bedenken, dass sie jetzt einen 24/7 Job hatte und nicht mehr nur 8 Stunden. Zudem das Übliche: Schlafmangel, Verdauungsstörungen beim Baby, daraus resultierende eigene Verdauungsstörungen, Haarausfall, Augenringe, etc.

Sie sah ein, dass sie so nicht weitermachen konnte. Ihr Mann hatte vollstes Verständnis dafür, was ich ganz süß fand. Sie hatte sich ab dann bei ihren Freundinnen eingeladen und die Besuche bei ihr Zuhause minimiert. Sie ging mehr raus an die frische Herbstluft und es lag auch mal Wäsche und kleine Wollmäuse rum. Ich bekam nicht mehr alles aufgetischt, aber wenn sie zu gar nichts kam, hat sie sich auch nicht mehr 16 Mal dafür entschuldigt.

Als ich das letzte Mal da war, konnte sie stillen, hatte keine Augenringe und sah wieder glücklich aus.

Mika Kienberger (Doula und Family Care Nurse)
Email: mail@wunschgeburt.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.