Was Powerfrauen mit der Fashion Revolution zu tun haben und warum Stress eine deutsche Erfindung zu sein scheint erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Was muss eine Powerfrau leisten?

Immer mal wieder darf ich bei Interviews rund um das Thema „Powerfrauen“ Rede und Antwort stehen. Ich werde gefragt, wie ich Beruf und Familie in Einklang bringe, welche Herausforderungen mein Business an mich stellt und welche beruflichen Ziele ich verfolge. Es ist schön, dass Frauen in der Wirtschaft eine immer wichtigere Rolle einnehmen und natürlich freue ich mich über Redakteure und Redakteurinnen, die sich für meinen Weg interessieren und anderen Menschen davon erzählen möchten.

Ohne meine Dienste auf ein hohes Podest stellen zu wollen, so weiß ich doch, dass ich viel leiste, Tag für Tag, Nacht für Nacht: als Unternehmerin und als Mutter. Aber und jetzt das große Aber, sind all die Frauen, die in ärmeren Ländern ihren Lebensunterhalt bestreiten, nicht die eigentlichen Powerfrauen?

Als ich Fotos von unseren Näherinnen in Peru erhielt, die stolz ein Stück Papier mit der Aufschrift I made your clothes vor die Kamera halten, kam ich ins Nachdenken. Gerade erst hatte ich nämlich wieder ein Interview zum Thema bestreiten dürfen und nun diese Bilder. Hätte man die Interviewfragen nicht an diese Frauen richten sollen? Worin zeigt sich die Power einer Frau?

„Den Stress haben die Deutschen erfunden“

Mein Alltag ist oftmals sehr hektisch. An Tagen, an denen die Kinder anstrengend sind, mein Kopf keinen klaren Gedanken fassen kann, meine To Do Liste endlos erscheint und ich mich hoffnungslos überfordert fühle (als Mama und Unternehmerin) … an solchen Tagen möchte in den „Titel“ Powerfrau am liebsten in die Papiertonne werfen.

Und dann erinnere ich mich an den Satz, den mein peruanischer Mann vor längerer Zeit einmal sagte: „Den Stress haben die Deutschen erfunden“.

Stress ist selbstverschuldet und unsere gewinn- und effizienzorientierte Gesellschaft trägt dazu bei, dass Menschen ausbrennen (also einen Burnout erleiden), in Depressionen und Selbstzweifel verfallen. Ja, dieser Überzeugung bin ich, weshalb ich meinem Mann rechtgeben muss. Auch ich werde schnell zur stressgeplagten Deutschen, die in ihrem hohen Anspruch an sich selbst regelmäßig an Grenzen stößt. Braucht es da erst ein Faultier im Unternehmensumfeld, um ein wenig zur Ruhe zu kommen? Ob ihr es glaubt oder nicht, die Präsenz des gechillten Regenwaldbewohners erinnert mich tatsächlich immer wieder daran, dass es auch anders geht, ohne Stress und ohne Zeitdruck.

Mehr „Stress“ und ein zufriedeneres Gemüt: echte Powerfrauen

Powerfrauen-arbeiten-für-die-Fashion-Revolution_ChillnFeel

Ich habe lang genug in Peru gelebt, um mir ein Bild von peruanischen Powerfrauen machen zu können. Die #imadeyourclothes-Fotos unserer Näherinnen haben mir dies nur nochmals verdeutlicht.

Elternzeit und Home Office in Peru

In Peru können es sich die wenigsten Frauen leisten, drei Jahre ausschließlich für ihre Kinder da zu sein. Nach spätestens 3 Monaten wird wieder gearbeitet. Viele Frauen kommen erst gar nicht in den Genuss einer Babypause. Auf dem Land werden die Säuglinge in ein Tragetuch gepackt und mit aufs Feld genommen. In der Stadt passen Familienmitglieder auf die Babys auf. Unsere Strickerinnen zählen zu der Minderheit, die im Home Office und damit in direkter Nähe zum eigenen Baby arbeiten dürfen.

Weg zum Arbeitsplatz inkl. Überstunden

Die Anfahrt zum Arbeitsplatz nimmt meist viel Zeit in Anspruch; den chaotischen Straßenverhältnissen sei Dank. Überstunden je nach Auftragslage sind Teil der meisten Jobs. Nebenjobs an den Abenden oder am Wochenende werden stillschweigend hingenommen, denn nur so kann die Miete und der Schulbesuch der Kinder bezahlt werden.

So ein Stress, richtig?

Hm, trotz all der Widrigkeiten und Einbußen ist von Burnouts in Peru nicht die Rede. Zumindest ist mir dies noch nie zu Ohren oder Augen gekommen. Von Stress spricht kaum jemand.

Einstellungssache? Ich glaube ja. Arbeit und Freizeit werden im Zeitmanagement strikt getrennt. Es mag Zeiten mit sehr viel Arbeit geben. Der Chef mag Überstunden einfordern. Aber gut, so ist das eben. Arbeit ist Arbeit. Den Ausgleich bietet die Freizeit.

In der Freizeit ticken die Uhren anders

Abends, nach getaner Arbeit, an Wochenenden und Feiertagen, werden die Uhren um 2-3 Stunden zurückgestellt.

Geburtstagsfeiern, zu denen auf 19 Uhr eingeladen wird, beginnen erfahrungsgemäß nicht vor 22 Uhr. Feste Coffee Break Zeiten gibt es nicht, fixe Zusagen genauso wenig. Bei uns Zeitplaner-orientierten Deutschen führt dieses „nachlässige“ Verhalten schnell zur verstärkten Produktion von Stresshormonen. Denn diese Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt es bei uns kaum. Wir lieben es zu organisieren und planen und wehe dem, der unseren Zeitplan durcheinanderwirft.

Mehr Leistung und dann noch ein Lächeln?

Zurück zu den Protagonisten dieses Beitrags, den wahren Powerfrauen, unseren Näherinnen. Ich kenne nicht die Geschichte jeder dieser Frauen, aber ich weiß, dass sie Großartiges leisten und dass sie nicht weniger Powerfrauen sind, als ich oder jede andere Frau es ist, die jeden Tag ihr Bestes gibt: für sich, für ihre Familie, für ihren Arbeitgeber. Mit dem einzigen Unterschied, dass Peruanerinnen häufiger Lächeln und irgendwie entspannter wirken als wir dies hierzulande tun.

Fashion Revolution – Faire Arbeitsbedingungen – lächelnde Produzenten

Und was hat dies nun alles mit der Fashion Revolution zu tun? Unsere Näherinnen lächeln viel, vielleicht sogar ein wenig mehr als ihre Kolleginnen in anderen peruanischen Schneidereien. Und hier kommt die Fashion Revolution ins Spiel. Die Fashion Revolution fordert mehr Transparenz innerhalb der textilen Produktionskette. Dies basiert auf der Überzeugung, dass hinter transparenten Herstellungsprozessen menschenfreundliche Arbeitsbedingungen stehen. Denn Fotos zeigt nur, wer nichts zu verbergen hat und Antworten zum Herstellungsprozess liefert nur, wer weiß, dass dieser ohne blutige Hände vonstattengeht.

Chill n Feel steht für Wohlfühl-Kleidung für die Kleinsten. Wohlfühlen sollen sich aber auch unsere Produzenten. Und ich bin überzeugt davon, dass das zufriedene Lächeln unserer Näherinnen den fairen Arbeitsbedingungen in unserer kleinen peruanischen Schneiderei zu verdanken ist. Fragen zur unserer Produktionskette? Nur her damit, viel haben wir nicht zu verbergen 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.